|
Blickpunkt:
Film
Es ist nachgeladen, die Revolution wird folgen.
Wohl wissend, dass es unmöglich sein würde,
das Medium Film abermals zu revolutionieren
und Sehgewohnheiten in der gleichen Weise
auf den Kopf zu stellen wie mit dem Original
im Jahr 1999, treten die Brüder Wachowski
die Flucht nach vorn an. Das geradlinigere
Mittelsegment der Saga um den Kampf der versklavten
Menschheit gegen die Maschinen ist vor allem
ein Upgrade: spektakulärer, aufwändiger und
effektreicher. Philosophisch und/oder spirituell
angehauchte Szenen, die die Erlöser- und die
Virtuelle-Realität-Thematik des Originals
weiter entwickeln, werden balanciert mit vier
kolossalen Actionsequenzen, die die Möglichkeiten
des Machbaren ausreizen und der gewaltigen
Erwartungshaltung standhalten. So müsste es
schon mit dem Teufel zugehen, wenn sich 'Reloaded'
nicht als Neo/One des Kinojahres erweisen
und retten würde, was ein einzelner Film retten
kann.[BR][BR]In der gleichen Weise, wie sich
die drei Hauptfiguren von Guerillakämpfern
zur einzigen Hoffnung für die Menschheit gewandelt
haben, unterscheidet sich auch die Fortsetzung
vom Original: Vor vier Jahren im allgemeinen
Trubel um 'Star Wars: Episode 1' noch ein
Außenseiter und daher auch mit dem Vorteil,
verblüffen und überraschen zu können, nimmt
'Reloaded' nun die Herausforderung an, neue
Maßstäbe für Big-Budget-Entertainment anno
2003 zu setzen. Prächtiger und opulenter in
der Ausstattung, epischer und sakraler im
Ton, noch gestochen schärfer im Look präsentieren
Larry und Andy Wachowski ihr fulminantes Konstrukt
aus düsterer Zukunftsdystopie, visionärem
Manga, furioser Martial-Arts-Action, überragender
Effektfiction und Elementen aus buddhistischer
Philosophie und christlicher Religion. 'Reloaded'
beginnt mit einem Traum und schließt mit dessen
Erfüllung in der Realität. Dazwischen dauert
es zunächst eine Weile, bis der Film seinen
Rhythmus und eigenen Ton findet und Fahrt
aufnimmt. [BR]Die Eröffnungsszenen in Zion,
der Zuflucht der letzten freien Menschen,
haben eine irritierende Schwerfälligkeit,
als hätten sich die Wachowskis zuviel auf
die Schultern geladen. Als würden sie 'Keanu
Christ Superstar' im Takt eines endlosen Ethno-Raves
erzählen, schleppt sich die 150-Mio.-Dollar-Produktion
mit Dialogen, wie sie George Lucas nicht hölzerner
schreiben kann, bedeutungsschwanger durch
den ersten Akt. Mit dem Besuch des als Erlöser
gefeierten Ex-Hackers Neo beim wieder von
der mittlerweile verstorbenen Gloria Foster
gespielten Orakel, das die Helden mit der
leitmotivischen Mission betraut, den für den
Sieg über die Maschinen unentbehrlichen Schlüsselmacher
zu finden, streift 'Reloaded' seine Fesseln
ab. Unmittelbar darauf folgt die erste große
Actionsequenz, in der Neo gegen seine 100-fach
geklonte Nemesis Mr. Smith antritt. Höhepunkt
um Höhepunkt folgen. [BR]Kernstück ist dabei
eine 14-minütige Verfolgungsjagd auf einer
Autobahn, die es sich zum Ziel gemacht hat,
alle vorangegangen Verfolgungsjagden (speziell
die offensichtlichen Vorbilder aus 'Mad Max
2' und 'Leben und Sterben in L.A.') in den
Schatten zu stellen - und Vollzug vermeldet.
Dazu kommen eine hinreißend laszive Sequenz
mit Lambert Wilson als diabolischer Merovingian,
der den Schlüsselmacher gefangen hält, und
Monica Bellucci als dessen Frau Persephone,
die Neo und Co. im Austausch für ein prickelndes
Anliegen unterstützt, und eine faszinierende
Sequenz, in der Neo dem Architekten der Matrix
gegenübertritt, der die ohnehin komplexe Handlung
um eine weitere relevante Ebene erweitert
und damit den Grundstein für 'Matrix Revolutions'
legt, der die Trilogie im November beenden
wird. [BR]Alle wiederkehrenden Darsteller
- neben Keanu Reeves als Neo vor allem Carrie-Anne
Moss als dessen Flamme Trinity, Laurence Fishburne
als spiritueller Führer Morpheus, Hugo Weaving
als unaufhaltsam erscheinender Mr. Smith -
bereichern ihre Figuren um interessante neue
Facetten, während von den Neulingen neben
den bereits Erwähnten auch Neil und Adrian
Rayment als mysteriöses Albino-Rasta-Zwillingspaar
und Jada Pinkett-Smith als Morpheus' ehemalige
Geliebte Niobe unbedingt Erwähnung verdienen.
Technisch spielt 'Matrix Reloaded' mit seinen
mehr als 1000 Effekten ohnehin in einer eigenen
Liga. Wenn es Defizite zu vermelden gibt,
dann ist es neben dem mühseligen Intro eine
auffällige Schwäche in der Umsetzung emotionaler
Momente. Aber schließlich hat es sich der
Film zum Ziel gesetzt, nicht das Herz, sondern
den Geist zu befreien - und wer wird meckern
angesichts dieses Füllhorns an denkwürdigen
Szenen, die Magen und Kopf hinlänglich beschäftigen.(
Hier
bestellen )
|